Uncategorized

Jemand anderem mit deinem Leben vertrauen ! – Amae, das Gefühl, das dabei mitschwingt

Hast du schon einmal die Verantwortung für dein Leben an jemand anderen abgegeben? Wenn ich mich selbst frage wie sich das wohl anfühlen muss, mal für einen Moment nicht verantwortlich für sein eigenes Leben zu sein, dann legt sich ein Schleier von Erleichterung über mich. Ich glaube in meinem Leben habe ich ganze 3 Mal diese Verantwortung an jemand anderen abgegeben. Aber lass mich zurück zum Anfang :

Im Japanischen gibt es ein Wort, das das Gefühl beschreibt, das man empfindet wenn man für eine geraume Zeit die Verantwortung über sein eigenes Leben an jemand anderen abgibt. Amae! (甘え)

Ich stolperte über dieses Wortkonzept beim Lesen eines Artikels. Es gibt für dieses genaue Gefühl kein Wort im Deutschen oder Englischen. Dennoch erinner ich mich an die wenigen Male in meinem Leben, in denen ich Amae  gefühlt habe. Ein Mix aus Erleichterung und Angst!

Das wohl erste Mal, in dem ich ganz natürlich und unbewusst die Verantwortung für mein eigenes Leben an jemand anderen abgab, war im Jahr meiner Geburt.  Die Person, die diese Verantwortung trug war meine Mama. Ich wuchs mit Amae auf, genauso wie viele von euch da draußen. Sie passte in der Schwangerschaft auf ihr ungeborenes Kind auf und traf Entscheidungen für ihr Baby und im Sinne seiner Gesundheit. Wenn ich das Gefühl beschreiben soll, das man empfindet wenn man die Verantwortung für sein Leben temporär an jemand anderen abgibt, dann denke ich unweigerlich an die Jahre voller Liebe und Vertrauen zu meinen Eltern in meiner Kindheit. Wäre es nicht durch Schicksalsschläge von außen gekommen, dann könnte ich heute sogar sagen, dass Amae die Leichtigkeit meiner gesamten Kindheit beschreibt. Allerdings kennen viele von euch meine Geschichte und Leichtigkeit ist nicht unbedingt das Wort, mit dem ich meine Kindheit ab 7 Jahren beschreiben würde, aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Tag.

Das zweite Mal als ich Amae empfand, war als ich die Verantwortung über meine Gesundheit mit 21 an den Chefarzt einer Berliner Klinik und an das Schicksal abgab. Der Arzt bat meine Mama um ein persönliches Gespräch. Er sagte, er könne für nichts garantieren und gäbe mir eine 50% 50% Chance da gesund heraus zu kommen. Meine Familie war erstaunt darüber, wie lebensfroh ich in meinem Krankenhausbett saß, wie ich alle mit Witzen aufheiterte und wie mutig ich in ihren Augen daher kam. Ich allerdings fühlte vor allem eine Prise der Erleichterung, denn es gab nicht wirklich etwas, was ich hätte tun können. Das Ding ist, ich fand nicht, dass ich super mutig war, ich empfand einfach nur die Erleichterung, die man empfindet wenn eine schwere Last von einem genommen wird. Schließlich lag nichts mehr in meiner Hand. Ich entschied mich also dafür mit den Ärzten und Schwestern zu lachen, mit anderen Patienten zu essen und zu erzählen und auf das Schicksal und auf die Ärzte zu vertrauen. Angst und Erleichterung mischten sich. Was wird, das wird.

 

Danach sollten Jahre ohne Amae folgen. Bis zum April 2011. In einer Samstagnacht mit dem wohl hellsten Vollmond, den ich je erlebt habe, traf sein Blick meinen. Ich wusste gar nicht recht was passiert und dann plötzlich hörte ich mich sagen: “JA!”. Das war die Nacht, in der ich Chris’ Antrag annahm und wir einander, die Verantwortung für das Leben des jeweils anderen übertrugen. Ich vertraue diesem, nein, meinem (!) Menschen so sehr, dass ich mich darauf verlassen kann, dass er, wenn es darauf ankommt, im Sinne meiner Person entscheidet oder handelt. Er tut auch genau dies. Bei jedem Umzug zum Beispiel, entscheidet mit mir und vor allem im Sinne seiner drei Mädels. Wir denken beide an den anderen wenn wir Entscheidungen treffen.

Das Abgeben der Verantwortung für mein Leben an jemand anderen ist ein Umstand, der für so eine unabhängige und selbstständige Person wie mich wohl schier unmöglich scheint. Es macht mir Angst und gleichzeitig bringt es mir das woghlige Gefühl von Vertrauen und Erleichterung.

Das wichtige an Amae ist, dass es sich um das temporäre Abgeben von Verantwortung handelt. Im Japanischen beschreibt man damit oft die Mutter-Kind-Beziehung oder intime Momente zwischen sich Liebenden. Ich übernehme gern Verantwortung für und in meinem Leben. Nur so habe ich die Möglichkeit, mir mein Leben so zu gestalten wie ich es möchte und die Person zu sein, die ich sein will. Dennoch sind mir Momente von Amae heilig, denn solch innige Beziehungen wie die zwischen Mutter und Kind oder wie die zwischen Liebenden, sind der Nährboden für das Gefühl von Amae und ich wünsche mir, dass meine Mädels und Chris genau dieses Gefühl erleben können, weil sie mich in ihrem Leben haben und mir mit ihrem Leben vertrauen können.

Jessy

mehr von mir/uns auf Instagram: www.instagram.com/jessypicks

mehr von mir/uns auf YouTube: www.youtube.com/jessyonline

 

6 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.